Der 8. Mai ist der Tag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht vor 75 Jahren. Und der Tag der Befreiung von dem verbrecherischen Regime des Nationalsozialismus. Viele Menschen – auch in Hildburghausen und Umgebung - mussten in den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts sterben. Manche Gedenktafel in den Kirchen erinnern daran. Das hatte viele Gründe. Damals. Verblendung, Propaganda. Ausgrenzung und das Schüren von Hass. Und weil in manchen christlichen Kirchen nicht nur für die Liebe, sondern für den Sieg gebetet worden ist.

8. Mai 1945 - Bilder und Gedanken: Jubel, Freude, Dankbarkeit, Freiheit – und  Schmerz, Leid. Trauer – ja Hass: das alles liegt beim Erinnern nahe beieinander. So nahe, dass es einem den Atem verschlägt, viel zu nahe nebeneinander, um es zu sortieren, geschweige denn, um es beurteilen zu können. Das wäre überheblich.

Und dann die nachfolgende Generation – die väterlosen Kinder, deren Mütter mit großem Fleiß die deutsche Wirtschaft aufgebaut. Das Familienleben am Laufen gehalten. Und nebenbei die alten Eltern pflegten. Die Fragen blieben. Oft lautlos, unterdrückt. Sich selbst und dem Gegenüber verschwiegen. Wir als nächste Generation stellten sie: Was habt ihr gewusst? Was habt ihr getan? Wohin habt ihr gesehen, als man Häftlinge durch eure Stadt trieb? Als eure Nachbarn abgeholt wurden. Als die Frau des Landarztes sozial geächtet wurde, weil sie einen Juden geheiratet hatte? Was ist damals geschehen in den Dörfern auch hier im Landkreis? Und in der Psychiatrie? Ist das hinreichend aufgearbeitet? Nichts gesehen, nichts gehört? Nichts gesagt, nichts gewusst? Oder doch? Erzählt uns doch von Euch! Was ist geschehen?

Und heute, 8. Mai 2020. Was ist aus dem Schwur geworden? „Nie wieder Krieg! Jedem soll die Hand verfaulen, der jemals wieder eine Waffe in die Hand nimmt!“ Warum standen wenige Jahre nach 1945 Soldaten aus Hartgummi, Plastepanzer und Armeeflugzeuge in den meisten Kinderzimmern? Es ist wohl das Vorrecht der Jugend so zu fragen. Und die Älteren müssen sich diese Fragen gefallen lassen. Das ist wie ein heimlicher Vertrag unter den Generationen.

Und auch meine Generation gehört bereits zu den Angefragten: Warum steht ihr nicht auf, wenn Deutschland erneut die Welt mit Waffen beliefert? Die Bundesregierung hat 2019 so viele Rüstungsexporte genehmigt wie noch nie. Der bisherige Höchststand im Jahr 2015 wurde bereits bis zum 15. Dezember 2019 knapp übertroffen. Insgesamt wurde der Export deutscher Waffen im Wert von 7,95 Milliarden Euro genehmigt. Warum lasst ihr zu, dass für euren Lebensstil Menschen in anderen Gebieten dieser Erde dem Hunger und kriegerischen Handlungen ausgeliefert sind?

Was tun wir also mit diesem Tag, dem 8. Mai? Wie gehen wir um mit dem Wissen um die Geschichte? Den Erinnerungen daran. Mit dem großen Halleluja für das Geschenk des Friedens. Und mit den vielen offen geweinten und heimlichen Tränen in einem Atemzug?

Erinnern, Verstehen, Gedenken, Weiter-Denken. Das ist für mich ein vorstellbarer und kraftvoller Umgang mit diesem Tag. Danken will ich heute: Und Gott die Ehre geben. Mein Dank gilt ihm und durch ihn hindurch den Menschen, die dem deutschen Wahnsinn in der Welt damals Einhalt geboten haben. Ein Pfarrer Dietrich Bonhoeffer gehörte dazu. Oder dem Prediger von Buchenwald: Paul Schneider. Den Männern und Frauen, die der Gewalt ihre Zivilcourage entgegensetzten. Den Frauen und Männern, die der Zerstörung ihre helfenden Hände entgegenstreckten. Den Männern und Frauen, die dem Schrecken die Hoffnung entgegenhielten. Den Frauen und Männern, die dem Gedröhn der Kanonen und Gewehre mit Worten der Liebe begegneten. Und die Menschenwürde entgegenstellten. Den Soldaten, die ihre Aufgabe nicht im Rache-nehmen, sondern im Befreien sahen. Den Männern und Frauen, die Verfolgte versteckt, Hungernde gespeist, Flüchtlinge beherbergt, Kinder aufgenommen. Und dem teuflischen Gedankengut der Nazis und mancher Deutscher Christen widerstanden haben. Gott sei Dank gab es Sie – was wäre sonst aus uns geworden?

Weiter-Denken will ich: Welches Erbe hinterlässt uns dieser Tag, welche Aufgaben stehen für uns an?

„Vergilt nicht Böses mit Bösem. Sei auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Soweit es an dir liegt, habe mit allen Menschen Frieden. Räche dich nicht selbst. Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ So steht es in der Bibel.

Und zum Weiterdenken gehört auch: Heute müssen Menschen in Mossul, Aleppo, Bagdad, Halle und in den Flüchtlingslagern sterben. Sterben, weil islamistische Fanatiker und Hasserfüllte den Namen Gottes für Terror und Gewalt missbrauchen. Ich bleibe dabei. Wer sich wirklich von Christus rufen lässt, der setzt der Gewalt die Liebe entgegen. Die den anderen nicht zerstören, sondern zur Umkehr bringen will. Er setzt dem Hass gegen andere Menschen-gruppen die Empathie entgegen. Weil jeder Mensch geschaffen ist zum Bilde Gottes. Der setzt dem Recht des Stärkeren die biblische Option für den Armen entgegen. Weil Christus selbst gesagt hat: Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

Wir sind aufgefordert, den Frieden weiterzugeben. Du und ich, wir haben die Kraft. Die Kraft aufzustehen gegen Unrecht. Du und ich, wir wollen einstehen für die, die schon wieder zu Sündenböcken der Gesellschaft gemacht werden. Du und ich, wir werden unseren Kindern und Enkeln den Frieden ausmalen, phantasievoll. Bunt und schön, damit ihre Kriegsspiele keine Realität werden. Du und ich, wir wollen….

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Zu solchem ermutige Gott, der Vater des Friedens und der Gerechtigkeit. Er schenke Kraft und Mut – und seinen Segen zu unserem Bemühen.

Schalom wünscht

E.F. Johannes Haak

   

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